Mittwoch, 29. Oktober 2008

Fernweh



Jetzt mal im Ernst

Freunde der leichten Unterhaltung werden über diesen Eintrag vielleicht überrascht sein und sich empört abwenden. Denn er wird kritisch. Genauer: Gesellschafts- und Medienkritisch; und Politik ist vielleicht auch noch dabei. Wo könnten diese Dinge besser vereint sein als bei einem Text über MTV, dem Sender der großen Freiheit und der großen Brüste (ein toller Einstieg, wie ich finde).


MTV ist ja schon lange kein bloßer Musiksender mehr, das haben schon klügere Leute vor mir festgestellt. Den Großteil des Programms bilden Shows, die die ganze Bandbreite des völlig normalen, alltäglichen Lebens abdecken. Da daten Mütter die potentiellen Freunde ihrer Töchter, abgehalfterte Stars suchen sich aus 20 Frauen ihre Seelenverwandte aus und die Brut der Superreichen feiert, dass sie ein weiteres Jahr mit Kaviar und Diamantentoast überstanden hat und jetzt auch endlich Auto fahren darf. Da haben die Programmentwickler dem wahren Leben doch wirklich über die Schulter geschaut.


Ich will damit nicht sagen, dass alle Formate auf MTV zum in-die-Tonne-kloppen sind. Aber ich habe eine sehr gut funktionerende Regel gefunden, nach der man die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen sortieren kann. Der Schlüssel ist: Um alle Sendungen mit drei Worten sollte man zunächst einen großen Bogen machen. Hier einige Beispiele: "Date my mom", "The real world", "My sweet sixteen", "Pimp my ride", "Flavour of love", "Rock of love", The X effect". Wäre ich ein Verschwörungstheoretiker, könnte ich aus dieser drei Wörter Nummer bestimmt eine schöne Geschichte machen. Da ich aber doch eher Fernsehkonsument bin, nehme ich das einfach so hin und bin bei drei-Wort-Sendungen vorsichtig.


Das Problem ist: Ich hab das zwar erkannt - und indem ich es hier niederschreibe, wird auch der geneigte Leser über diesen Umstand informiert - aber dem Großteil der Welt ist dieses Geheimnis verborgen. Und weil MTV so ziemlich überall auf der Welt zu empfangen ist, betrifft das doch ziemlich viele Menschen. Menschen, die in anderen Regionen der Erde leben; da, wo es nicht ständig was zu essen, sondern öfter mal bisschen Krieg vor der Haustür gibt. Menschen, die angesichts tobender Teenager, die zum 16. Geburtstag nicht nur eine Stripshow, sondern auch noch drei Autos haben wollen, möglicherweise wütend werden könnten. Und die ein Bild von Amerika (und damit wohl leider der gesamten westlichen Welt) bekommen könnten, das nicht gerade von Vorteil für uns ist. Denn ja, wir haben zwar (noch) den Diamantentoast, aber blöderweise haben die auf der anderen Seite vor allem eines: Nichts zu verlieren.

(Der Schluss ist pathetischer geraten als beabsichtigt. Als ich das erste mal "My sweet sixteen" sah, war ich schließlich auch nicht weit entfernt von einem Amoklauf. Aber mir fehlt da wohl doch die religiöse Bestätigung: Verheißungsvolle Paradiesvorstellungen können da bestimmt sehr beflügelnd wirken...)