Zum Ende der ARD-Vorabendserie "Marienhof" am 15.Juni 2011
Graf Ansgar von Lahnstein lächelt spöttisch über den Rand seines Champagnerglases, dabei zieht er halb ironisch, halb diabolisch die linke Augenbraue nach oben. Er feiert seinen Sieg, den Sieg der Großen über die Kleinen, des Schlosses über das Reihenhaus, Düsseldorfs über Köln. Beinahe zwanzig Jahre lang klebten diese lästigen Bürgerlichen an ihm, umschwirrten ihn wie die Fliegen. Endlich ist es ihm gelungen, sie für immer von ihrem Sendeplatz in der ARD zu vertreiben: Die kleinen Leute vom "Marienhof" müssen gehen, die Adeligen mit ihrer "Verbotenen Liebe" übernehmen jetzt das Zepter im täglichen Vorabend-Serienprogramm.
Bürgerliche mit ihren bürgerlichen Problemen, wie sie im „Marienhof“ beschrieben wurden, sind dem Grafen zutiefst suspekt. Diese kleine-Leute-Sorgen, lächerlich. Was wissen die schon vom Leben? Sind gefangen in ihrem Alltag aus Geldbeschaffung in tristen Berufen, nur um das wenige Vermögen kurz darauf für billigen Nippes wieder auszugeben. Ab und an haben sie vielleicht mal eine kleine Affäre oder ihre Kinder verfallen der Drogensucht, aber das geht schnell vorbei, dauert höchstens 200 Folgen. Der Graf und seine Familie dagegen: Zunächst einmal tragen sie einen schicken Titel! Und sie wohnen in einem Schloss! Gut, ab und an haben sie auch mal Geldprobleme, weil sie alles für die kleinen Freuden des Lebens ausgeben. Und ja, manchmal laufen die Ehen zwischen den Blaublütigen schief und sie verlieren sich in verbotenen Liebschaften. Und ihre Kinder und die Drogen....nun, lassen Sie uns nicht davon anfangen.
Aber hat der Graf nicht Recht, sich zu freuen? Wären wir nicht alle gern ein bisschen Adel? Gestehen wir es ein: Die Zeiten sind schlecht, da blicken wir sehnsüchtig auf die erhabene Welt der Bessergestellten. Und weil nicht jeden Tag Prinzenhochzeit in Großbritannien sein kann, rettet uns die ARD ab heute mit täglichen 40 Minuten Adel total. Macht Platz ihr Gemüsehändler und Hausmeister! Die Nobilität obsiegt.
But hello, Othello
Donnerstag, 7. Juli 2011
Sonntag, 15. Mai 2011
Wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf
Das Konzeptalbum „69 Love Songs“ der amerikanischen Band „The Magnetic Fields“ hat auch nach über 10 Jahren keinen Staub angesetzt: Eine Wiederentdeckung
Die Geschichte der Pop-Musik hätte nicht ohne sie geschrieben werden können: Die Liebes-Schnulze. Was wären die Beatles, Michael Jackson, ja selbst Lady Gaga ohne die Liebe? Worüber würden sie singen? Zwischen zwei schubidus und drei lalalas passt nichts so gut wie ein zart gehauchtes Liebesgeständnis. Oder aber die Klage darüber, verraten, verlassen und mit gebrochenen Herzen zurückgeblieben zu sein.
Besonders im Frühling, wenn es warm wird und betörende Düfte durch die Lüfte ziehen, sind die „Oh my love“-Songs sehr begehrt. Denn nicht nur der europäische Hochadel pflegt in dieser Zeit zu heiraten – auch das gewöhnliche Volk wird spürbar von der Romantikwelle gepackt. Wer sich dabei musikalisch abseits der ausgetretenen Pfade bewegen will, sollte es mit „The Magnetic Fields“ versuchen. Wie bei so vielen Bands, die als Genrebezeichnung stolz ein „Indie“ für „Independent“ im Namen tragen, ist ihr Stil schwer einzuordnen. Die Gruppe mit wechselnder Besetzung um den Singer/Songwriter Stephin Merrit bewegt sich irgendwo zwischen Pop, Folk und zuweilen ein wenig Rock. Für das Experiment „69 Love Songs“ ist diese Uneindeutigkeit ein großer Gewinn – jeder Song klingt anders. Wohl auch dank der schier unübersehbaren Anzahl an Instrumenten, zu denen unter anderem die Ukulele zählt. Eine Begründung für die Vielfalt ist schnell gefunden: die Liebe selbst. Sie ist ein Gefühl mit so unterschiedlichen Ausdrucksformen, dass man ihr wohl nur dann wirklich gerecht werden kann, wenn man sich ihr von vielen Seiten nähert.
Genau das hat Stephin Merrit getan. Auf gleich drei bis zum Rand gefüllten CDs erkundet er das Wesen der Liebe – und liefert zugleich interessante Einblicke in das Genre des Liebesliedes. „Don’t fall in love with me yet“, warnt Merrits vibrierender Bass gleich zu Beginn, denn, wie sich herausstellt, ist er „absolutely cuckoo” – und bereit, in einen See zu springen, sollte die Liebste ihn verlassen. Hier zeigt sich: Nicht nur auf der musikalischen Ebene ist das Ganze eine Herausforderung, auch textlich gibt es einiges zu entdecken. Wer genau hinhört, wird belohnt: Zum Beispiel mit dem Geständnis, dass das Herz des Sängers umherirrt wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf. Nicht alle 69 Songs singt Merrit selbst – mit Claudia Gonson und Shirley Simms unterstützen ihn zwei ganz unterschiedliche aber gleichsam reizvolle Frauenstimmen. Auch wer gerne nach musikalischen Verweisen sucht, wird schnell fündig. Zum Beispiel in der hintergründig ironischen Hommage an Irving Berlin „A pretty girl is like…“.
Ob polternd oder leise, ob weise oder albern – die „69 Love Songs” sind so vielstimmig wie die Liebe selbst. Und sie liefern uns eine kurze Momentaufnahme von dem, was dieses wohl größte aller Gefühl bedeuten kann. Für die Menschen – und für die Popmusik.
Samstag, 7. Mai 2011
Liebenswerte Alte?
Camille de Perettis Rührstück „Wir werden zusammen alt“
Camille hat ein schlechtes Gewissen. Wieder ist ihr Besuch bei der alten Dame viel zu kurz ausgefallen und wieder einmal hat sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das Altersheim „Les Begonias“ fluchtartig verlassen. „Undankbares Balg“, schießt es ihr durch den Kopf.
Undankbar, unsensibel, kaltherzig – wer bei einem Roman über einsame, verlassene und doch so liebenswert schrullige alte Menschen nicht automatisch in Verzückung gerät, muss doch all das sein. Oder? Camille de Peretti hat ein Buch geschrieben, in dem es (auch) um das Alter geht. Vor allem aber darum, wie die Jungen mit den Alten umgehen – überwiegend schlecht. Da wäre gleich zu Beginn Jean-Francois, der mit seiner Frau Aline gekommen ist, um die „Residenz“ zu besichtigen. Jean-Francois ist nicht gerne hier, denn eigentlich will er seine alte Mutter nicht hier unterbringen, sie soll bei ihnen zu Hause sein, im Kreis ihrer Lieben.
„Er hofft wirklich, dass seine Mutter senil genug ist, um es nicht mitzubekommen, um sich nicht verraten und verlassen zu fühlen. Denn genau das ist es ja. Egal, in welche Form man es kleidet, Mahagonifutter hin oder her, er schickt sich an, die Frau, die ihn zur Welt gebracht hat, in einem Luxussterbehaus abzustellen; und hier wird sie alleine sterben.“
Tragisch, nicht wahr? Aber dann ist da noch die andere Seite der Geschichte. Jean-Francois hätte seine Mutter zwar gern bei sich zu Hause – doch er wäre nicht derjenige, der ihre Pflege übernehmen würde. Diese Aufgabe müsste seine Frau Aline übernehmen, die von der alten Dame ungeliebte Schwiegertochter. Aline, die ihr Leben lang versucht hat, der Schwiegermutter gerecht zu werden und doch nur abfällige Worte erntete. Und weil Aline nun nein sagt, folgt die Abschiebung ins Heim.
Und genau hier liegt auch die Crux des Romans. Er gibt vor, auf der Seite der Alten zu sein, ergreift Partei für sie, legt den Weichzeichner über ihre Schrulligkeiten – und wird ihnen doch letztlich nicht gerecht. Wird denn ein Mensch allein dadurch, dass er alt ist, automatisch liebenswert? Darf er Liebe einfordern, wenn er im Gegenzug sein Leben lang keine zu geben hatte? De Peretti erweckt in einigen Passagen den Anschein, als wolle genau das sagen: Seht her, die netten Alten, jetzt sind sie ganz allein, keiner besucht sie. Und wirft dabei alle in einen Topf – diejenigen, die wirklich einsam sind und darunter leiden, nicht mehr Teil einer Familie zu sein, der sie so viel gegeben haben. Und diejenigen, die schon vor ihrem Einzug in die Seniorenresidenz recht boshaft waren, bei denen sich diese Wesenszüge durch das Alter sogar noch verstärken.
Dadurch, dass die Autorin sich selbst in den Roman hineinschreibt und der Figur Camille ihre Selbstzweifel mit auf den Weg gibt, wird das Ganze nicht erträglicher. Camilles Klotz am Bein heißt Nini und ist zwar keine Verwandte, dafür aber eine enge Freundin der Familie, die der kleinen Camille früher jeden Wunsch von den Augen ablas.
„Heute ist Camille fünfundzwanzig und von Schuldgefühlen zernagt. Seit gut zehn Jahren macht sie sich Vorwürfe, dass sie sich nicht genug um diese gute Fee kümmert. Aber Nini macht ihr Angst, Alter und Krankheit machen ihr Angst. In Wahrheit erschrickt sie über ihren eigenen Egoismus. Sie erfindet Ausreden, sie hat zu tun, sie muss arbeiten, es ist zu weit, es herrscht Stau, ihr Auto steht in der Werkstatt. Egal was.“
Neben diesen fragwürdigen Botschaften der inhaltlichen Ebene gäbe es da noch den besonderen Aufbau des Romans. De Peretti stellt sich in die Tradition der französischen OULIPO-Gruppe, deren Mitglieder sich für den Schreibprozess besondere Regeln auferlegen. Diese sind meist formaler Natur und nicht literarischem Bereich entnommen, wie etwa der Mathematik. Aufgabe an den Schriftsteller ist es, die Regeln einzuhalten, ohne es den Leser spüren zu lassen. Tatsächlich fällt beim Lesen nicht auf, dass de Peretti bestimmte Stoffe oder Farben oder Gerüche nach dem Regelwerk einbauen muss. Allein die akribischen Listen, die oft eine ganze Seite einnehmen und bei denen es sich um Medikamenten- oder Putzpläne handelt, sind nicht so leicht zu übersehen. Und sie stören, denn zum Inhalt oder zum Verstehen desselben tragen sie nicht das Geringste bei.
De Perettis Roman spielt an einem einzigen Tag, sie springt im Viertelstundentakt von Zimmer zu Zimmer und erzählt dabei die tragischen Geschichten der Bewohner. Natürlich sind bei dem riesigen Figurenarsenal, das sich auf diese Weise ansammelt, auch einige sehr liebenswerte Charaktere dabei. Aber vielleicht ist ein Tag einfach zu kurz, um Themen wie Alter, Tod und Krankheit wirklich gerecht zu werden. Was nach der Lektüre bleibt, ist nichts als ein leises Unbehagen.
Camille hat ein schlechtes Gewissen. Wieder ist ihr Besuch bei der alten Dame viel zu kurz ausgefallen und wieder einmal hat sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das Altersheim „Les Begonias“ fluchtartig verlassen. „Undankbares Balg“, schießt es ihr durch den Kopf.
Undankbar, unsensibel, kaltherzig – wer bei einem Roman über einsame, verlassene und doch so liebenswert schrullige alte Menschen nicht automatisch in Verzückung gerät, muss doch all das sein. Oder? Camille de Peretti hat ein Buch geschrieben, in dem es (auch) um das Alter geht. Vor allem aber darum, wie die Jungen mit den Alten umgehen – überwiegend schlecht. Da wäre gleich zu Beginn Jean-Francois, der mit seiner Frau Aline gekommen ist, um die „Residenz“ zu besichtigen. Jean-Francois ist nicht gerne hier, denn eigentlich will er seine alte Mutter nicht hier unterbringen, sie soll bei ihnen zu Hause sein, im Kreis ihrer Lieben.
„Er hofft wirklich, dass seine Mutter senil genug ist, um es nicht mitzubekommen, um sich nicht verraten und verlassen zu fühlen. Denn genau das ist es ja. Egal, in welche Form man es kleidet, Mahagonifutter hin oder her, er schickt sich an, die Frau, die ihn zur Welt gebracht hat, in einem Luxussterbehaus abzustellen; und hier wird sie alleine sterben.“
Tragisch, nicht wahr? Aber dann ist da noch die andere Seite der Geschichte. Jean-Francois hätte seine Mutter zwar gern bei sich zu Hause – doch er wäre nicht derjenige, der ihre Pflege übernehmen würde. Diese Aufgabe müsste seine Frau Aline übernehmen, die von der alten Dame ungeliebte Schwiegertochter. Aline, die ihr Leben lang versucht hat, der Schwiegermutter gerecht zu werden und doch nur abfällige Worte erntete. Und weil Aline nun nein sagt, folgt die Abschiebung ins Heim.
Und genau hier liegt auch die Crux des Romans. Er gibt vor, auf der Seite der Alten zu sein, ergreift Partei für sie, legt den Weichzeichner über ihre Schrulligkeiten – und wird ihnen doch letztlich nicht gerecht. Wird denn ein Mensch allein dadurch, dass er alt ist, automatisch liebenswert? Darf er Liebe einfordern, wenn er im Gegenzug sein Leben lang keine zu geben hatte? De Peretti erweckt in einigen Passagen den Anschein, als wolle genau das sagen: Seht her, die netten Alten, jetzt sind sie ganz allein, keiner besucht sie. Und wirft dabei alle in einen Topf – diejenigen, die wirklich einsam sind und darunter leiden, nicht mehr Teil einer Familie zu sein, der sie so viel gegeben haben. Und diejenigen, die schon vor ihrem Einzug in die Seniorenresidenz recht boshaft waren, bei denen sich diese Wesenszüge durch das Alter sogar noch verstärken.
Dadurch, dass die Autorin sich selbst in den Roman hineinschreibt und der Figur Camille ihre Selbstzweifel mit auf den Weg gibt, wird das Ganze nicht erträglicher. Camilles Klotz am Bein heißt Nini und ist zwar keine Verwandte, dafür aber eine enge Freundin der Familie, die der kleinen Camille früher jeden Wunsch von den Augen ablas.
„Heute ist Camille fünfundzwanzig und von Schuldgefühlen zernagt. Seit gut zehn Jahren macht sie sich Vorwürfe, dass sie sich nicht genug um diese gute Fee kümmert. Aber Nini macht ihr Angst, Alter und Krankheit machen ihr Angst. In Wahrheit erschrickt sie über ihren eigenen Egoismus. Sie erfindet Ausreden, sie hat zu tun, sie muss arbeiten, es ist zu weit, es herrscht Stau, ihr Auto steht in der Werkstatt. Egal was.“
Neben diesen fragwürdigen Botschaften der inhaltlichen Ebene gäbe es da noch den besonderen Aufbau des Romans. De Peretti stellt sich in die Tradition der französischen OULIPO-Gruppe, deren Mitglieder sich für den Schreibprozess besondere Regeln auferlegen. Diese sind meist formaler Natur und nicht literarischem Bereich entnommen, wie etwa der Mathematik. Aufgabe an den Schriftsteller ist es, die Regeln einzuhalten, ohne es den Leser spüren zu lassen. Tatsächlich fällt beim Lesen nicht auf, dass de Peretti bestimmte Stoffe oder Farben oder Gerüche nach dem Regelwerk einbauen muss. Allein die akribischen Listen, die oft eine ganze Seite einnehmen und bei denen es sich um Medikamenten- oder Putzpläne handelt, sind nicht so leicht zu übersehen. Und sie stören, denn zum Inhalt oder zum Verstehen desselben tragen sie nicht das Geringste bei.
De Perettis Roman spielt an einem einzigen Tag, sie springt im Viertelstundentakt von Zimmer zu Zimmer und erzählt dabei die tragischen Geschichten der Bewohner. Natürlich sind bei dem riesigen Figurenarsenal, das sich auf diese Weise ansammelt, auch einige sehr liebenswerte Charaktere dabei. Aber vielleicht ist ein Tag einfach zu kurz, um Themen wie Alter, Tod und Krankheit wirklich gerecht zu werden. Was nach der Lektüre bleibt, ist nichts als ein leises Unbehagen.
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