Camille de Perettis Rührstück „Wir werden zusammen alt“
Camille hat ein schlechtes Gewissen. Wieder ist ihr Besuch bei der alten Dame viel zu kurz ausgefallen und wieder einmal hat sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das Altersheim „Les Begonias“ fluchtartig verlassen. „Undankbares Balg“, schießt es ihr durch den Kopf.
Undankbar, unsensibel, kaltherzig – wer bei einem Roman über einsame, verlassene und doch so liebenswert schrullige alte Menschen nicht automatisch in Verzückung gerät, muss doch all das sein. Oder? Camille de Peretti hat ein Buch geschrieben, in dem es (auch) um das Alter geht. Vor allem aber darum, wie die Jungen mit den Alten umgehen – überwiegend schlecht. Da wäre gleich zu Beginn Jean-Francois, der mit seiner Frau Aline gekommen ist, um die „Residenz“ zu besichtigen. Jean-Francois ist nicht gerne hier, denn eigentlich will er seine alte Mutter nicht hier unterbringen, sie soll bei ihnen zu Hause sein, im Kreis ihrer Lieben.
„Er hofft wirklich, dass seine Mutter senil genug ist, um es nicht mitzubekommen, um sich nicht verraten und verlassen zu fühlen. Denn genau das ist es ja. Egal, in welche Form man es kleidet, Mahagonifutter hin oder her, er schickt sich an, die Frau, die ihn zur Welt gebracht hat, in einem Luxussterbehaus abzustellen; und hier wird sie alleine sterben.“
Tragisch, nicht wahr? Aber dann ist da noch die andere Seite der Geschichte. Jean-Francois hätte seine Mutter zwar gern bei sich zu Hause – doch er wäre nicht derjenige, der ihre Pflege übernehmen würde. Diese Aufgabe müsste seine Frau Aline übernehmen, die von der alten Dame ungeliebte Schwiegertochter. Aline, die ihr Leben lang versucht hat, der Schwiegermutter gerecht zu werden und doch nur abfällige Worte erntete. Und weil Aline nun nein sagt, folgt die Abschiebung ins Heim.
Und genau hier liegt auch die Crux des Romans. Er gibt vor, auf der Seite der Alten zu sein, ergreift Partei für sie, legt den Weichzeichner über ihre Schrulligkeiten – und wird ihnen doch letztlich nicht gerecht. Wird denn ein Mensch allein dadurch, dass er alt ist, automatisch liebenswert? Darf er Liebe einfordern, wenn er im Gegenzug sein Leben lang keine zu geben hatte? De Peretti erweckt in einigen Passagen den Anschein, als wolle genau das sagen: Seht her, die netten Alten, jetzt sind sie ganz allein, keiner besucht sie. Und wirft dabei alle in einen Topf – diejenigen, die wirklich einsam sind und darunter leiden, nicht mehr Teil einer Familie zu sein, der sie so viel gegeben haben. Und diejenigen, die schon vor ihrem Einzug in die Seniorenresidenz recht boshaft waren, bei denen sich diese Wesenszüge durch das Alter sogar noch verstärken.
Dadurch, dass die Autorin sich selbst in den Roman hineinschreibt und der Figur Camille ihre Selbstzweifel mit auf den Weg gibt, wird das Ganze nicht erträglicher. Camilles Klotz am Bein heißt Nini und ist zwar keine Verwandte, dafür aber eine enge Freundin der Familie, die der kleinen Camille früher jeden Wunsch von den Augen ablas.
„Heute ist Camille fünfundzwanzig und von Schuldgefühlen zernagt. Seit gut zehn Jahren macht sie sich Vorwürfe, dass sie sich nicht genug um diese gute Fee kümmert. Aber Nini macht ihr Angst, Alter und Krankheit machen ihr Angst. In Wahrheit erschrickt sie über ihren eigenen Egoismus. Sie erfindet Ausreden, sie hat zu tun, sie muss arbeiten, es ist zu weit, es herrscht Stau, ihr Auto steht in der Werkstatt. Egal was.“
Neben diesen fragwürdigen Botschaften der inhaltlichen Ebene gäbe es da noch den besonderen Aufbau des Romans. De Peretti stellt sich in die Tradition der französischen OULIPO-Gruppe, deren Mitglieder sich für den Schreibprozess besondere Regeln auferlegen. Diese sind meist formaler Natur und nicht literarischem Bereich entnommen, wie etwa der Mathematik. Aufgabe an den Schriftsteller ist es, die Regeln einzuhalten, ohne es den Leser spüren zu lassen. Tatsächlich fällt beim Lesen nicht auf, dass de Peretti bestimmte Stoffe oder Farben oder Gerüche nach dem Regelwerk einbauen muss. Allein die akribischen Listen, die oft eine ganze Seite einnehmen und bei denen es sich um Medikamenten- oder Putzpläne handelt, sind nicht so leicht zu übersehen. Und sie stören, denn zum Inhalt oder zum Verstehen desselben tragen sie nicht das Geringste bei.
De Perettis Roman spielt an einem einzigen Tag, sie springt im Viertelstundentakt von Zimmer zu Zimmer und erzählt dabei die tragischen Geschichten der Bewohner. Natürlich sind bei dem riesigen Figurenarsenal, das sich auf diese Weise ansammelt, auch einige sehr liebenswerte Charaktere dabei. Aber vielleicht ist ein Tag einfach zu kurz, um Themen wie Alter, Tod und Krankheit wirklich gerecht zu werden. Was nach der Lektüre bleibt, ist nichts als ein leises Unbehagen.
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