Weniger Märchen war nie oder die Idioten des Jakob Arjouni
Eines Abends, Deutschlands vielversprechendster Filmstudent liegt im Bett und hat mal wieder eine Panikattacke, erscheint ihm eine Fee und verkündet, er habe eine Wunsch frei…
Wann haben Sie das letzte Mal ein Märchen gelesen? Vermutlich fing es anders an als das von dem jungen Filmstudenten, vielleicht mit: „In einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat“. Diesen Teil des Märchenerzählens hat Arjouni in seinem Roman „Idioten. Fünf Märchen“ wieder aufleben lassen, denn hier werden Wünsche erfüllt, ganz professionell, von geschultem Feenpersonal. Doch natürlich, wie könnte es anders sein, gibt es da einen Haken. Das Wünschen funktioniert – aber ob es auch hilft, daran darf nach der Lektüre gezweifelt werden.
In fünf Geschichten entfaltet sich eine Welt des Elends, mit Figuren, die die Erfüllung ihrer Wünsche dringend nötig haben. Paul, der Filmstudent, verzweifelt an seiner Abschlussarbeit und wünscht sich, im Affekt gewissermaßen, ewiges Leben, um mehr Zeit für die Umsetzung all seiner Ideen zu haben. Dabei hat die Fee ihm die Regeln zuvor genau erklärt. Vier Bereiche sind vom Wünschen ausgeschlossen: Geld, Gesundheit, Unsterblichkeit, Liebe. Der Feenapparat ist überhaupt ein erstaunlich bürokratischer: Die Fee erscheint, rattert je nach Laune freundlich bis unwirsch die Spielregeln herunter – und mahnt den Kunden dann zur Eile, denn sie muss schließlich weiter, die Arbeit wartet nicht. Herzlose Industrie. Vermutlich ist das auch der Grund, warum sich so viele Menschen für eine Geschirrspülmaschine entscheiden – der teuerste Wunsch „zum Anfassen“, den die Feen erfüllen können.
Die „Idioten“ in Arjounis Märchen sind Kulturschaffende, im weitesten Sinne. Z.B. Peter Ohio, der sein Geld mit Schundromanen verdient und der einmal, nur ein einziges Mal in seinem Leben, einen wirklich bedeutenden Roman schreiben will. So sehr er sich auch anstrengt, in der Kulturwelt Gehör zu finden, am Ende ist er immer nur „der komische Alte mit den Cowboystiefeln, der irgendwelchen Wildwestunsinn schreibt“. Und da wären wir auch schon beim Kern der Sache: Alle Kandidaten, so verschieden ihre Wünsche zunächst scheinen mögen, wollen im Grunde nur eins. Anerkennung, Dazugehören, ja vielleicht sogar ein wenig geliebt werden für das, was sie tun.
Natürlich sind die Figuren überspitzt dargestellt, sonst wären ihre Schicksale wohl kaum so schön tragisch-komisch. In den meisten Fällen gelingt die Übertreibung – nur manchmal, kaum merklich, kippt die Stimmung und es klingt, als würde sich der Autor über seine Figuren lustig machen. Das ist schade, denn wie soll der Leser eine Figur ernst nehmen, wenn nicht einmal der Autor es kann?
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Wünschen eine heikle Angelegenheit ist, dass man Glück nicht kaufen und Liebe nicht erzwingen kann. Und sollte Ihnen demnächst eine Fee begegnen, sollten sie folgendes in Betracht ziehen: Eine Geschirrspülmaschine ist auch was Feines.
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