Freitag, 6. Mai 2011

Träumende Sinnsucher

Peter Stamms neuer Erzählband „Seerücken“

Ein Urlaub in Italien, in einem hübschen Ferienhaus mit Garten, das wünscht sich Alice. Doch was sie bekommt, gefällt ihr nicht – nicht die Einrichtung, nicht die lauten Nachbarn, nicht das Wetter. Sie hatte es sich eben anders vorgestellt. Sie hat sich ihr Leben anders vorgestellt, dachte Niklaus, das ist das Problem.

Mit diesem Problem ist Alice nicht allein. Die Figuren in Peter Stamms Erzählband „Seerücken“ sind Sucher, im weitesten Sinne. Auf den ersten Blick haben sie die meisten ihren Platz im Leben längst gefunden, sie haben es gemütlich dort. Nur reicht das wohl nicht. Nicht für Alice und Niklaus, die sich sicher waren, keine Kinder zu wollen, die aber durch den Unfalltot des Nachbarsjungen an dieser Entscheidung zu zweifeln beginnen. Manchmal dachte Niklaus, dass eine Familie vielleicht nicht nur Unfreiheit bedeute sondern auch Freiheit, dass er und Alice unabhängiger voneinander geworden wären, wenn erst ihre Liebe und später ihr Überdruss nicht so ausschließlich gewesen wäre. Zwei, die dachten, sie wären einander genug, merken schmerzhaft, dass es nicht so ist.

Und was ist mit denen, für die noch alles ganz neu, aufregend, schön ist? Bieten sie nicht einen herzerwärmenden Anblick? Nicht für jene, die das Neue, Aufregende, Schöne auch erlebt – und überwunden haben. Ein Autor, auf dem Weg zu einem Interview, sieht im Bus ein junges Paar, Lara und Simon, und erzählt: Sie haben mich an meine Jugend erinnert, an eine Frau, die ich heiraten, mit der ich Kinder haben wollte. Irgendwie ist es dann auseinander gegangen. Aber ich bin mir nie mehr so sicher gewesen wie damals, als ich noch keine Ahnung hatte vom Leben. Ein hartes Urteil. Und ein ungerechtes dazu, denn Lara zweifelt sehr wohl. Gerade ist sie mit Simon zusammengezogen, hat Freude daran, das Erwachsensein zu spielen - doch manchmal fragt sie sich, ob die neu gekauften Handtücher wohl länger halten werden als die Beziehung. Ewig ist lang, sagt Simon und wir schauen mal, es kommt, wie es kommt, wir sind ja noch jung. In solchen Momenten ist er ihr fremd, passt nicht mehr in das eigentlich doch so harmonische Bild, in den schönen Traum.

Traum, Realität, Fiktion – in Stamms Geschichten sind das bloß Worte, ist das eine nicht vom anderen zu trennen. Wer ist „echter“ – Lara und Simon oder das Paar, das der Autor aus ihnen macht? Und wie „echt“ ist der Autor – ist es Stamm, sein alter Ego, oder eine vollständig „erdachte“ Figur? Die Antworten auf diese Fragen spielen keine Rolle, denn überhaupt, was ist schon Realität, was Fiktion? Wer träumt, wer sucht, der bewegt sich ohnehin weg von dem, was real genannt wird. Dass Stamm seine Figuren dabei so unglaublich präzise, ja feinfühlig zeichnet, dass man meint, sie stünden direkt neben einem, macht den Grenzübertritt noch reizvoller.

Auch Hermann sucht. Während seine Frau im Krankenhaus liegt, an Geräte gefesselt, die sie gerade noch am Leben halten, flieht Hermann vor der Einsamkeit, fährt mit dem Zug bis zur Endstation. Und sucht dort längst Vergangenes. Wäscht sich mit Rosmaries Shampoo die Haare, zieht ihre Jacke an und träumt von besseren Zeiten.

Fast könnte der Eindruck entstehen, es drehe sich in allen Geschichten ausschließlich um die Liebe in ihren verschiedenen Stadien. Doch damit lässt es Stamm nicht bewenden. Nicht für jede der Figuren endet die Suche in den Armen eines anderen Menschen, im Schoß der Familie. Anja hat all das, Mann, Kind, Haus im Grünen. Glücklich ist sie, die als Jugendliche von zu Hause ausriss und im Wald lebte, trotzdem nicht. Was sie sucht, ist die Freiheit - auch wenn sie es nicht weiß, oder es sich nicht eingestehen will. Denn der Wald, die Wildnis, bietet ihr keine Sicherheit – und sie freut sich, ihn bezwungen am Boden zu wissen. Es war eine Erlösung zu sehen, wie die Menschen den Wald beherrschten, der ihr manchmal wie eine Krankheit vorkam, etwas Wucherndes, Unberechenbares. Doch ob sie will oder nicht: Der Wald, das wuchernde Geschwür, lebt in ihr weiter, ruft sie, bringt sie dazu, ihr bürgerliches Leben zu sabotieren.

Zehn Geschichten umfasst der Erzählband – einige davon prägen sich besonders tief ins Gedächtnis ein, andere bleiben eher an der Oberfläche. Aus dem Rahmen fällt lediglich „Coney Island“, die letzte Erzählung, eine Momentaufnahme, die einer literarischen Fingerübung gleicht und den übrigen Geschichten nicht das Wasser reichen kann. Doch dieses eine Erzählstück kann nichts am Gesamteindruck ändern: „Seerücken“, das sind neun wunderbare, traurige, verstörende und fein beobachtete Geschichten über Menschen, die träumen, suchen – und dabei nur selten ihr Glück finden.

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