Sonntag, 15. Mai 2011

Wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf

Das Konzeptalbum „69 Love Songs“ der amerikanischen Band „The Magnetic Fields“ hat auch nach über 10 Jahren keinen Staub angesetzt: Eine Wiederentdeckung



Die Geschichte der Pop-Musik hätte nicht ohne sie geschrieben werden können: Die Liebes-Schnulze. Was wären die Beatles, Michael Jackson, ja selbst Lady Gaga ohne die Liebe? Worüber würden sie singen? Zwischen zwei schubidus und drei lalalas passt nichts so gut wie ein zart gehauchtes Liebesgeständnis. Oder aber die Klage darüber, verraten, verlassen und mit gebrochenen Herzen zurückgeblieben zu sein.

Besonders im Frühling, wenn es warm wird und betörende Düfte durch die Lüfte ziehen, sind die „Oh my love“-Songs sehr begehrt. Denn nicht nur der europäische Hochadel pflegt in dieser Zeit zu heiraten – auch das gewöhnliche Volk wird spürbar von der Romantikwelle gepackt. Wer sich dabei musikalisch abseits der ausgetretenen Pfade bewegen will, sollte es mit „The Magnetic Fields“ versuchen. Wie bei so vielen Bands, die als Genrebezeichnung stolz ein „Indie“ für „Independent“  im Namen tragen, ist ihr Stil schwer einzuordnen. Die Gruppe mit wechselnder Besetzung um den Singer/Songwriter Stephin Merrit bewegt sich irgendwo zwischen Pop, Folk und zuweilen ein wenig Rock. Für das Experiment „69 Love Songs“ ist diese Uneindeutigkeit ein großer Gewinn – jeder Song klingt anders. Wohl auch dank der schier unübersehbaren Anzahl an Instrumenten, zu denen unter anderem die Ukulele zählt. Eine Begründung für die Vielfalt ist schnell gefunden: die Liebe selbst. Sie ist ein Gefühl mit so unterschiedlichen Ausdrucksformen, dass man ihr wohl nur dann wirklich gerecht werden kann, wenn man sich ihr von vielen Seiten nähert.

Genau das hat Stephin Merrit getan. Auf gleich drei bis zum Rand gefüllten CDs erkundet er das Wesen der Liebe – und liefert zugleich interessante Einblicke in das Genre des Liebesliedes. „Don’t fall in love with me yet“, warnt Merrits vibrierender Bass gleich zu Beginn, denn, wie sich herausstellt, ist er „absolutely cuckoo” – und bereit, in einen See zu springen, sollte die Liebste ihn verlassen. Hier zeigt sich: Nicht nur auf der musikalischen Ebene ist das Ganze eine Herausforderung, auch textlich gibt es einiges zu entdecken. Wer genau hinhört, wird belohnt: Zum Beispiel mit dem Geständnis, dass das Herz des Sängers umherirrt wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf. Nicht alle 69 Songs singt Merrit selbst – mit Claudia Gonson und Shirley Simms unterstützen ihn zwei ganz unterschiedliche aber gleichsam reizvolle Frauenstimmen. Auch wer gerne nach musikalischen Verweisen sucht, wird schnell fündig. Zum Beispiel in der hintergründig ironischen Hommage an Irving Berlin „A pretty girl is like…“.

Ob polternd oder leise, ob weise oder albern – die „69 Love Songs” sind so vielstimmig wie die Liebe selbst. Und sie liefern uns eine kurze Momentaufnahme von dem, was dieses wohl größte aller Gefühl bedeuten kann. Für die Menschen – und für die Popmusik.

1 Kommentar:

Julia hat gesagt…

Hach ja dieser vibrierende Bass....gibt wenig Schöneres :). Wenn wir schon bei moderner Populärkultur sind, wäre wohl das Zitat "Bass, Bass, wir brauchen Bass" angebracht. Der freundliche Herr kann sich gern wieder zu uns gesellen.

Dem Vorbild folgend hab ich auch aufgeräumt bzw. das Gegenteil gemacht und alles mit kaputten Luftmatratzen dekoriert. Zumindest für den Übergang. Ich bin mittlerweile ein großer Freund von Chlorgeruch, vielleicht kommt das daher ;). Neue Bilder gibt es dann sobald der Scanner wieder funktioniert (wird langsam Zeit, ich weiß). Aber da sind Nachrichten zur Überbrückung.